Max Horkheimer – Dämmerung (Auszüge)

Die Gestrandeten
Unter den besonderen Arten des Ressentiments ist die ohnmächtige Verbitterung der Gestrandeten des Lebens hervorzuheben. Von dem verkalkten oder auch nur schwach gewordenen mässig wohlhabenden Familienvater, der seine mannigfachen Pflichten nicht mehr richtig erfüllen kann und darob von den Seinen en canaille behandelt wird, führt über den armen alten Querulanten, der als Feuergeist begonnen hatte, eine Linie bis zu dem bramarbasierenden Insassen des Obdachlosenasyls. Es ist ihnen gemeinsam, mit dem Gedanken der Welteroberung begonnen und als triste Figuren geendet zu haben. Alle wettern sie gegen Welt und Gesellschaft im allgemeinen und gegen die Leute, mit denen sie es zu tun haben, im besonderen, und alle erfahren sie, dass ihre Empörung vor den Menschen überhaupt nichts wiegt.

Aber wiegt sie tatsächlich nichts? Haben denn diese Menschen, deren jugendliche Pläne sich nicht erfüllt haben, die alten Erwartungen weniger genau mit den Erfahrungen des Lebens vergleichen können als die Tüchtigeren, die nicht bloss ihre Pläne, sondern auch ihr Herz der Wirklichkeit anpassen konnten, der Wirklichkeit, der sie nun tief verpflichtet sind? Bietet nicht gerade dieses Unvermögen der Anpassung, das einen ungetrübten Lebensabend vereitelt, eine gewisse Gewähr für ein ungetrübtes Urteil? Der Einwand, die Praxis habe ihnen Unrecht gegeben, wäre nicht geistreicher als die Feststellung, durch den Justizmord hätte die Justiz die Beteuerung der Unschuld ihres Opfers widerlegt. Es wäre eine läppische Anwendung des Satzes, dass die Theorie durch Praxis bestätigt werden müsse, wollte man den individuellen Erfolg in der bestehenden Gesellschaft als Kriterium für die Richtigkeit der Ansichten dessen ansehen, der ihn nicht hat. Die Ohnmacht des Gestrandeten ist heute nicht der Hauch eines Arguments gegen die Sachlichkeit seines Urteils, denn die Ordnung dieser Gesellschaft ist schlecht; wer an ihr zuschanden wird, ist nicht gerichtet.
Anmerkung 1:
Die Beichte des Ketzers auf dem Totenbett widerlegt keinen Satz seiner atheistischen Ansichten. Mancher Aufklärer hat in seinen gesunden Tagen festgelegt, dass seine von Schmerz und Krankheut beeinflussten Reden nicht gelten sollen. Es ist eine uralte und infame Erfindung der herrschenden Klassen, dass die Wahrheit eines Satzes durch Blutzeugenschaft besiegelt werden müsse. Die Furcht vor den Unterdrückungsmitteln wurde dadurch zum Argument gegen die Wahrheit der freieren Geister gemacht. Aber nur das Stück bürgerlicher Sklavenwirtschaft in Sokrates, das historisch notwendig mit seiner Lehre verbunden war, nur das Ideologische an seiner Doktrin mag verhindert haben, dass er aus seinem Gefängnis entfloh und fragen konnte: was hat mein Leben mit der Richtigkeit der Kritik an atheniensischen Zuständen zu tun.

Anmerkung 2:
„Den“ Erfolg eines Lebens an dem, was einer am Schluss seines Lebens hat und ist, zu messen – welches Bündel von Verkehrtheiten! Der Schlusszustand des Daseins steht zu der Quantität richtiger Erwägungen und selbst zu den gelungenen Handlungen in einem völlig zufälligen Verhältnis. Es ist unmöglich, vom Ende aufs Ganze zu schliessen. Hat einer tausend Ertrinkende aus den Fluten gezogen uns ist er bei der Rettung des Tausendundersten ertrunken, so darf man nicht folgern: „Er konnte nicht schwimmen, denn er ist ertrunken.“ Gerade darum ist auch der Tod beim ersten Versuch kein Beweis. Über das äussere Schicksal des einzelnen Menschen pflegen in der Gegenwart weniger seine Qualitäten, als blinde Zufälle zu entscheiden

 

Symbol

Ein Bettler träumt von einem Millionär. Als er aufwachte, traf er einen Psychoanalytiker. Der erklärte ihm, der Millionär sei ein Symbol für seinen Vater. „Merkwürdig“, antwortete der Bettler.

 

Lüge und Geisteswissenschaften

Wer wollte heute die Geisteswissenschaften der Unwahrheit und Heuchelei zeihen! Sie schneiden aus dem unendlichen Bereich der Wahrheit nur gerade solche Sätze aus, die sich mit dem System der Ausbeutung und Unterdrückung vertragen. Es gibt ja so vieles, was die „Einsicht“ fördert, und zugleich nicht ungelegen kommt.

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